Predigt beim Reformationsgottesdienst "Fünfzig Jahre Evangelische Schulen" im Berliner Dom
Wolfgang Huber
31. Oktober 1998
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!"
(Galater 5,1)
Liebe Gemeinde!
Ein Freund drückte mir einen Zeitungsausschnitt in die Hand. "Du wirst schon sehen, warum" sagte er nur. Achtlos steckte ich das Blatt zunächst weg. Von bedrucktem Papier hatte ich ohnehin genug.
Schließlich kam mir das Zeitungsblatt doch wieder in die Hände. Ein Bild sah ich, das mich anzog: Ein Mann, kraftvoll und sonnengebräunt, hebt von einem Sprungturm in einem herrlich gestreckten Kopfsprung ab; wie ein Delphin wird er bald ins Wasser eintauchen. Ein Ausbund menschlicher Freiheit schwebt da vor dem Blau des Himmels. Darunter lese ich die Zeile: "Freiheit ist, von Sorgen frei zu sein."
Kleiner gedruckt heißt die Erläuterung dann so: "Frei sein, das heißt auch befreit sein. Befreit von der Frage: Was wäre, wenn. Frei von der Last der Sorgen, die Sie sich machen müßten, wenn. Wenn es nicht die Versicherungen gäbe. Sprechen Sie mit Ihrem Versicherungsfachmann. Er weiß, welchen Schutz Sie brauchen. Damit Sie sich so befreit fühlen, daß Sie unbeschwert über den alltäglichen Sorgen stehen."
Das Glücksversprechen dieses Bildes ist eindeutig. Frei ist, wer sich frei bewegen kann, ohne von Sorgen bedrückt zu sein. Das trifft in die Erfahrung vieler Menschen genau hinein. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die Sorge sind die stärksten Feinde der Freiheit. Wo Gefangenschaft und Hunger herrschen, wird die Freiheit am massivsten verletzt. Wer sich frei bewegen kann und keine Sorge fürchtet, der ist frei. Deshalb haben so viele Menschen einen entscheidenden Durchbruch zur Freiheit erlebt, als am 9. November 1989 hier in Berlin die Mauer geöffnet wurde. Und deshalb vermissen heute viele Menschen Entscheidendes an der Freiheit, wenn sie sich um ihre Wohnung, ihre Arbeitsstelle, ihren Ausbildungsplatz oder ihr schulisches Fortkommen Sorgen machen müssen, oder noch schlimmer: wenn sie all das gar nicht haben.
Frei ist, wer sich frei bewegen kann, ohne von Sorgen bedrückt zu sein. Das ist ein realistisches Bild der Freiheit. Es bestimmt die Sehnsüchte vieler Menschen. Mit dieser Freiheitssehnsucht lassen sich Geschäfte machen. Das haben Versicherungen ebenso verstanden wie Reiseunternehmen.
Aber es wäre verfehlt, von dieser äußeren zugleich die innere Freiheit zu erwarten. Verfehlt wäre es, die Freiheit, die sich so erwerben läßt, als letzten Wert zu betrachten. Wer Risiken durch Versicherungen abdeckt, mildert die Folgen der Sorge, aber hebt ihren Grund nicht auf. Wer Reisen plant, macht von seiner Bewegungsfreiheit Gebrauch, ist damit aber dem Sinn der eigenen Freiheit noch längst nicht auf der Spur. Die Werbeanzeige, so einleuchtend sie zunächst schien, verrät deshalb ein tiefes Mißverständnis der Freiheit: Sie verwechselt die äußere und die innere Freiheit miteinander.
Mehr noch: Sie erweckt den Anschein, als sei Freiheit käuflich. Käuflich aber sind nur die Mittel unserer Bewegungsfreiheit - also Fahrräder, Autos, Bahncards, Flugtickets. Käuflich sind nur Mittel, um die Folgen unserer Sorgen abzumildern - also Versicherungspolicen der unterschiedlichsten Art. Die Freiheit selbst läßt sich nicht kaufen. Sie ist ein Geschenk. Wer das, was sich kaufen läßt, mit der Freiheit selbst gleichsetzt, der macht die käufliche Freiheit zum Götzen.
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit." Da tritt eine Freiheit in den Blick, die sich nicht mit dem Bild des sonnengebräunten Freizeithelden, sondern mit dem Bild des Mannes am Kreuz verbindet. Er macht nicht so viel von sich her wie der Mann, der delphingleich ins Wasser eintaucht. Aber die Freiheit, die er verheißt, reicht weiter. Diese Freiheit ist nicht das Produkt unserer Leistungen. Sie ist für Geld nicht zu haben; sie ist nicht käuflich. Sie hängt an diesem Jesus, einem bemerkenswert freien Menschen. So frei war er, daß er sich aus freien Stücken den Ausgegrenzten zuwandte, die von den anderen alleingelassen wurden. So frei war er, daß er sich noch im Sterben vor Gott für die verwandte, die ihm das Leben nahmen: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
Bleibt fest in dieser Freiheit, die nicht käuflich ist, sondern in der vergebenden Gnade Gottes ihren Grund hat. Der erste Bischof unserer Kirche, Otto Dibelius, hat die Ausführungsbestimmung für diese Aufforderung im ersten Gebot gesehen. "Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen!" Er fügte damals, vor fünfzig Jahren, hinzu: "Und für die Christenheit in Deutschland, in der die Zivilcourage immer noch Mangelware ist, muß man noch das Wort aus dem 5. Kapitel der Apostelgeschichte anhängen: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen! Darum geht es bei der Freiheit, zu der Jesus Christus uns befreit hat."
Ehrfurcht vor Gott und Zivilcourage vor den Menschen - das ist Freiheit. Freiheit zeigt sich zum einen darin, daß wir Gott seine Ehre lassen. Und sie zeigt sich zugleich darin, daß wir Menschen nicht mehr Ehre geben, als ihnen zusteht. Wir erkennen sie an, aber vergöttern sie nicht. Wir freuen uns, wenn ihr Sternchen funkelt; aber zu Stars machen wir sie nicht. Wir gehen achtsam mit ihnen um; aber wenn Widerspruch sein muß, muß er sein. Das ist Freiheit.
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit." Das ist der Kern des reformatorischen Geschehens, dem der Reformationstag gewidmet ist. Es ist aber auch der Kern des evangelischen Schulwesens, das hier in Berlin vor fünfzig Jahren seinen Anfang genommen hat. Auch schon vorher gab es evangelische Schulen in Berlin. Aber vor fünfzig Jahren vollzog sich ein Neuanfang, der das beides miteinander verband: Ehrfurcht vor Gott und Mut gegenüber den Menschen.
Beides wird auch heute gebraucht, mit neuer Dringlichkeit sogar. Dieses Jubiläum feiern wir deshalb nicht, um die Asche zu hüten, sondern um die Flamme weiterzutragen. Es ist gut, daß so viele Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte, Vertreterinnen und Vertreter der Öffentlichkeit diesen Tag mit uns feiern. Besonders freue ich mich über die Anwesenheit so vieler Mitglieder des Evangelischen Schulbunds, der zu seiner Jahrestagung nach Berlin gekommen ist. Sie alle zeigen: Die evangelischen Schulen in Berlin und Brandenburg sind von einem Kranz von Freunden umgeben. Auch der weitere Weg dieser Schulen wird von vielen Freunden begleitet. Unsere Kirche will diesen weiteren Weg auf eine möglichst sichere Grundlage stellen. Dem dient das Vorhaben, eine Evangelische Schulstiftung zu gründen. Miteinander wollen wir, daß die Arbeit und der Dienst evangelischer Schulen weitergeht. Sie werden gebraucht.
Evangelische Schulen sind Schulen der Freiheit. Dazu bekennt sich mit diesem Gottesdienst eine eindrucksvoll große Zahl von Menschen. Dafür arbeiten viele Menschen mit hohem Einsatz - einem Einsatz, für den wir in diesem Gottesdienst einen herzlichen Dank sagen wollen. Viele Schülerinnen und Schüler identifizieren sich mit ihren evangelischen Schulen, mit diesen Schulen der Freiheit. Es ist jedesmal eine Freude, das zu erleben. Und deshalb sage ich: Was hier vor fünfzig Jahren unter Aufnahme einer weit älteren Tradition neu entstanden ist, soll weitergehen. Auch für das nächste halbe Jahrhundert gibt es an der Notwendigkeit evangelischer Schulen keinen Zweifel. Sie sind Orte, an denen Freiheit gelernt werden kann - solidarische, verantwortete Freiheit.
Jeder Reformationstag ist eine Herausforderung dazu, für unsere eigene Gegenwart zu proklamieren, worin denn die christliche Freiheit besteht und wodurch sie am meisten gefährdet ist. Ich will es deutlich sagen: Durch nichts ist die Freiheit mehr gefährdet als durch eine religiöse Ahnungslosigkeit, die uns zu willigen Opfern der käuflichen Freiheit macht. Die Menschen, die sich heute in die Kuppeldome des Handels und in die Kathedralen des Kommerzes stürzen, zeigen das auf ihre Weise.
Wer dagegen immun werden will, muß früh anfangen. Wer die Freiheit, die nicht käuflich ist, ernst nimmt, kommt um die Frage nach der religiösen Erziehung nicht herum. Ich halte es für grundverkehrt, wenn Fragen einer verantworteten Glaubensüberzeugung und einer eigenen religiösen Identität aus Erziehung und Bildung ausgespart werden. Kinder und Jugendliche müssen ihren Weg zu einer Freiheit, die nicht käuflich ist, selber finden. Aber wir alle tragen eine Mitverantwortung dafür, daß bei Kindern und Jugendlichen nicht ein religiöses Vakuum entsteht, das Sekten und ähnliche Gruppen für sich ausnutzen können. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in Familie und Schule müssen wir wieder den Mut haben, von Gott zu reden. Denn unsere Kinder dürfen keine religiösen Analphabeten werden. In evangelischen Schulen versteht sich das bei Licht betrachtet von selbst. Aber auch für die anderen Schulen ist es wahr. Eine bessere und klarere Stellung des Religionsunterrichts in den Berliner wie in den Brandenburger Schulen zu erreichen, ist in diesem Zusammenhang eine vordringliche Aufgabe.
Gerade für die junge Generation ist es wichtig, daß sie verstärkt Zugang zu einem Lebenskonzept gewinnt, das die Würde und die Freiheit der menschlichen Person von der Wurzel her versteht. Der christliche Glaube lädt zu einer Freiheit ein, die nicht käuflich ist. An Gott zu glauben, ist die radikalste Form der Freiheit. Sie bestimmt die Form unseres Lebens, wenn wir das Vertrauen zu Gott und die Liebe zum Nächsten miteinander verbinden.
Das ist zugleich ein einfaches und klares Programm für evangelische Schulen. Der Schulalltag bekommt von hier aus seine Ausrichtung. Was auf diese Weise als normal gilt, wäre für viele von uns, die solche Schulen nicht erlebt haben, ein einziger Glückstreffer gewesen. Es ist die richtige Bestimmung menschlichen Lebens. Es ist deshalb auch der richtige Auftrag evangelischer Schulen.
Amen
