Predigt aus Anlass des Bundesparteitags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der Magdalenen-Kirche in Berlin-Neukölln

Wolfgang Huber

07. Dezember 1999

1.
Gestern war Nikolaustag - ein ökumenischer, die Konfessionen verbindender Tag. Seine Anziehungskraft auf Kinder ist ziemlich ungebrochen. Seit an diesem Tag sogar "Kinderbischöfe" eingesetzt werden, hat er eine zusätzliche Aufwertung erfahren.

Der Namenspatron dieses Tages, der Bischof Nikolaus von Myra, lebte in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts. Die kleinen Geschenke für die Kinder waren noch das Geringste unter seinen Wohltaten. Er befreite drei zu Unrecht eingekerkerte Offiziere, ermöglichte drei armen Mädchen durch heimliche Geldspenden die Heirat, rettete drei unschuldig zum Tod verurteilte Jünglinge undsofort. Doch seine Wohltaten gerieten ganz gegen seinen Willen in die Öffentlichkeit; denn er selbst wollte, dass von seinen guten Taten nicht geredet würde.

Dass eine politische Partei diesem Grundsatz des heiligen Nikolaus folgt, kann man sich kaum vorstellen. "Tue Gutes und rede darüber" heißt eine eherne Regel der Politik. Ich verstehe deshalb gut, warum der Bundesparteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nicht am Nikolaustag, sondern erst am Tag danach beginnt.

Es gibt freilich zu denken, dass die guten Taten des heiligen Nikolaus durch sein Verbot, darüber zu reden, nur umso bekannter wurden. Manches spricht sogar dafür, dass sie sich im Lauf der Zeit auf wundersame Weise vermehrten. Auch nach eineinhalbtausend Jahren reden wir vom Nikolaus. Solche Lebensdauer ist den guten Taten in der Politik nicht immer beschieden. Hoffentlich hat das, was Sie in diesen Tagen beschließen, Bestand über den Tag hinaus.

"Zukunft braucht Mut" heisst das Leitwort, das Sie in den kommenden Tagen unausgesetzt vor sich sehen werden - außer denen, die diesen Slogan im Tagungssaal in ihrem Rücken haben. Zukunft ist in diesen Wochen überhaupt das Leitthema. Immerfort beschwört man derzeit, etwas geschehe zum letzten Mal in diesem Jahr, in diesem Jahrhundert, in diesem Jahrtausend. Auch für den SPD-Parteitag wird das gelten. Mit einem weiteren Parteitag im zweiten Jahrtausend rechnen nur diejenigen, die mathematisch korrekt, aber trotzdem wirkungslos meinen, das dritte Jahrtausend beginne erst am 1. Januar 2001.

2.
Für alle anderen ist es jetzt schon dringlich, sich auf die Zukunft einzustellen und ihr standzuhalten.

Aber woran erkennt man eigentlich, was zukunftsfähig ist? In denkbar umfassender Form bildet diese Frage das Thema eines knappen Dialogs, in den Jesus von einer Gruppe seiner Gegner verwickelt wurde. Ihm musste eine solche Frage gestellt werden; denn von der entscheidenden Zukunft, von der, auf die alles ankommt, behauptete er, sie sei ganz nahe herbeigekommen. "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium". So hieß die Quintessenz seiner Predigt. Darauf bezieht sich dieser kurze Dialog

"Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn: das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch."
(Lukas 17,20-21 in der Einheitsübersetzung)

Der Streit ist uns nicht unverständlich. Die einen sagen, die entscheidende Weichenstellung für die Zukunft sei an bestimmten Zeichen zu erkennen, sie werde von einem bestimmten Programm erfasst, mit einer bestimmten politischen Maßnahme sei die Zukunft gewonnen. Doch in der Regel handelt es sich eher um Maßnahmen, von denen sich der eine oder der andere einen Vorteil erhoffen kann. Der eine hält geringere Erbschaftssteuern für vorteilhaft, der andere die stärkere Inanspruchnahme großer Vermögen für die Aufgaben der Gemeinschaft. Das Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Die Kirchen haben sich dazu in ihrem Wirtschafts- und Sozialwort deutlich geäußert.

Aber so wichtig ein solches Thema ist, so ist doch die letztgültige Zukunft mit Antworten auf solche "zeichenhaften" Fragen nicht zu gewinnen. Politisches Handeln aller Art vollzieht sich nicht im Letzten, sondern im Vorletzten; gerade darin liegt seine Würde. Für unmittelbare Heilserwartungen taugen die Zeichen, die politisch gesetzt werden können, nicht. Denn das Reich Gottes, die endgültige Zukunft, die Zukunft, die letztlich zählt, kommt so nicht.

Wie aber dann? So, dass sie beginnt, bevor man es merkt. "Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch."

Manche unter Ihnen mögen noch Martin Luthers ursprüngliche Übersetzung dieser berühmten Stelle im Ohr haben: "Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden! ... Sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch." Unsere Vorväter haben das so gedeutet, als sei mit dem "inwendig in euch" die bloße Gesinnung gemeint. Sie verlagerten das Reich Gottes, das schon begonnen hat, in die Innerlichkeit, in die Gesinnung der Einzelperson. Man kann das ein "liberales" Missverständnis Jesu nennen.

Dagegen erhob sich ein Widerspruch, in dem der religiöse Impuls säkulare Gestalt annahm. Die Verhältnisse müssten verändert werden, nicht nur die Gesinnung der Menschen. Das Sein bestimmt das Bewusstein, nicht umgekehrt. Diese These kann man als das "revolutionäre" Missverständnis der Predigt Jesu vom Reich Gottes bezeichnen.

Gegen das "liberale" Missverständnis gilt, dass Jesus sich niemals nur auf die Gesinnung der Einzelperson bezieht. Er sieht vielmehr den Menschen immer in Beziehung. "Mitten unter euch" meint eben nicht nur: in euren Gemütern, sondern: in euren Beziehungen. Da entscheidet sich, ob Leben gelingt - heute ebenso wie zu Jesu Zeiten.

Gegen das "revolutionäre" Missverständnis aber lässt sich sagen: Das Bewusstsein ist mehr als die Spiegelung der ökonomischen Verhältnisse. Denn es prägt sie ebenso, wie es von ihnen geprägt wird Ohne kulturelle Kräfte entsteht kein Wandel. Und wo sie fehlen, lässt sich der Wandel, der sich vollzieht, weder verarbeiten noch verkraften. Für jede Gesellschaft, die wirklich auf die Zukunft ausgerichtet war, erwies sich das Gleichgewicht zwischen Sein und Bewußtsein, zwischen wirtschaftlich-technischer Entwicklung und kultureller Orientierung als ausschlaggebend.

3.
Heute meinen manche, auf einen wichtigen Teil kultureller Orientierung leichthin verzichten zu können. Sie erklären dann die Religion zur bloßen Privatsache und schlagen vor, sie aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten. Ich halte das für kurzsichtig. Weiter blickt, wer für sich selbst wie für die Gesellschaft im Ganzen den Zugang zu solchen Quellen offen hält.

Natürlich ist die Debatte über den Religionsunterricht dafür ein ebenso deutliches Beispiel wie die Debatte über den Sonntag.

Dass das Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen" für die Gesellschaft im Ganzen sinnvoll ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Ähnliches gilt für den Religionsunterricht, wenn er in ein Konzept eingefügt ist, das der pluralen Situation in unserer Gesellschaft entspricht. Mit dem Vorschlag einer Fächergruppe mit mehreren gleichberechtigten Fächern haben unsere Kirchen gerade für Berlin und Brandenburg einen solchen Vorschlag vorgelegt. Unverdrossen hoffe ich auf eine wachsende Offenheit dafür in der SPD. Hier in Berlin kann der ausverhandelte Staatskirchenvertrag nach wie vor ein Ansatzpunkt dafür sein, zu den notwendigen Klärungen zu kommen.

Niemandem wird dabei etwas gegen seinen Willen aufgenötigt; aber der Zugang zu diesen wichtigen Quellen unserer gemeinsamen Kultur wie der persönlichen Orientierung wird offen gehalten - auch und gerade in den Schulen.

4.
"Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch" Das ist die Gewissheit, mit der wir unsere tägliche Arbeit tun können. Dass Gott am Ende der Zeiten "abwischen wird alle Tränen und Tod, Leid, Geschrei oder Schmerz nicht mehr sein werden", wie es in der Offenbarung des Johannes ganz am Ende der Bibel heißt, das begegnet schon jetzt. Dass die ganze Schöpfung "frei werden wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes", wie der Apostel Paulus sagt, das drückt sich schon jetzt in einem neuen Verhältnis der Menschen zu ihrer natürlichen Mitwelt aus.

Aber warum lassen wir uns jetzt schon auf diese Nähe Gottes ein? Dass Gott Mensch wurde, ist dafür der entscheidende Grund. Darum feiern wir Advent, darum feiern wir Weihnachten. Weil Sie in dieser Zeit des Jahres zusammenkommen, rückt auch Ihr Parteitag in diesen Zusammenhang.

Ernst Lange, ein prophetischer und reformfreudiger Pfarrer aus und in Berlin, der vielen von uns zu einem wichtigen Vorbild wurde, übrigens Sozialdemokrat seit seiner Jugend, hat diesen entscheidenden Grund für christliche Zuversicht vor bald vierzig Jahren so ausgedrückt: "Gott hat seinen Sohn ausgesandt, geboren aus einer Frau, dem Gesetz untergeben! Das heißt, man kann und braucht ... Gott und die Verhältnisse nicht mehr gegeneinander auszuspielen. Das ist völlig unnötig. Wir brauchen uns für das, was wir tun, weder vor uns selbst noch vor anderen Menschen noch vor Christus und Gott zu entschuldigen, indem wir etwas verlegen auf die Verhältnisse hinweisen. Gott kennt nämlich diese Verhältnisse. Und er kennt sie eben grade nicht aus der Vogelschau, sondern von unten herauf. Weihnachten heißt gar nichts anderes, als dass Gott sich eingelassen hat mit Haut und Haar auf unsere Verhältnisse, auf unsere Realität, mit Haut und Haar und unwiderruflich. ... Gott kennt sich aus."

Dass Gott sich in unseren Verhältnissen auskennt, bedeutet ja nicht, dass an ihnen nichts zu ändern wäre. Im Gegenteil. Aber wir brauchen uns nicht erst von der Wirklichkeit zu verabschieden, um dann zu erklären, was an ihr geändert werden soll. Wir können an unserem Ort, unter unseren Verhältnissen tun, was den Menschen zugute kommt, und ändern, was sie an einem Leben in Freiheit und Gerechtigkeit hindert.

Ernst Lange, den ich gerade zitiert habe, war übrigens durch und durch ein Reformer, ein Reformer der Kirche ebenso wie der Politik. Als die Angst vor Reformen den deutschen Wahlkampf von 1972 zu beherrschen drohte, initiierte er die Wählerinitiative "Wider das Geschäft mit der Angst". Dieser Appell war damals nicht ohne Erfolg. Er hat auch heute noch einen guten Sinn.

"Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch." Der christliche Glaube meint nicht die Flucht in eine jenseitige Zukunft, sondern die Zuwendung zu den Aufgaben der Gegenwart. Aus der Zukunft weht der Wind, der zur Veränderung die Kraft gibt. "Mut zur Zukunft" ist gut. Aber es ist nicht nur Mut zur Zukunft, sondern auch Mut aus der Zukunft. Denn das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.

Amen



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