Predigt im Festgottesdienst "155 Jahre Evangelisches Diakoniewerk Königin Elisabeth"
Wolfgang Huber
14. Juni 1998
Liebe Gemeinde!
Nun läuten Glocken zum Gottesdienst; nun lädt ihr Klang zur Besinnung und zur Einkehr, zum Hören und zum Beten ein. Dem 155. Jahr seit der Gründung des Evangelischen Diakoniewerks Königin Elisabeth verleiht das einen besonderen Akzent. Der Geist, der alles Leben und Arbeiten in diesem Werk bestimmen und prägen soll, erhält den zu ihm passenden Klang. Der frei stehende Glockenstuhl verweist auf die Mitte dieses Werks.
"Dienet dem Herrn mit Freuden." Dieser Wahlspruch der Diakonissen steht auf einer der beiden Glocken, die wir heute in Dienst genommen haben. Vor genau 111 Jahren, im Jahr 1887, wurde das Diakonissenhaus gegründet. 111 Jahre sind übrigens auch eine schöne Zahl, eine Jubiläumszahl, die es mir besonders angetan hat: drei mal die eins. Vor 111 Jahren wählten die Diakonissen sich den Wahlspruch, an den nun die neue Glocke erinnert: "Dienet dem Herrn mit Freuden."
Der Satz stammt aus dem 100. Psalm. Ich lese diesen Psalm insgesamt:
"Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken. Erkennet, daß der Herr Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm; lobet seinen Namen! Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und sein Wahrheit für und für."
Einer der kürzesten Psalmen ist das - und einer der eindrücklichsten dazu. Er lädt zum Innehalten ein; er unterbricht den Rhythmus des Gewohnten. Manch einer mag die Vertonung im Ohr haben, die Felix Mendelsohn-Bartholdy diesem Psalm gegeben hat - mit seinem strahlenden: "Jauchzet dem Herrn, alle Welt!" und seinem bewegten, auf die Zukunft ausgerichteten, alle Melancholie und Resignation abstreifenden: "Dienet dem Herrn mit Freuden." Haben Sie keine Angst, ich werde nicht weiter singen. Aber sie merken: Das ist der Ton, auf den auch dieser Tag gestimmt sein darf, das ist der Rhythmus, der zu diesem Tag paßt: ein bewußtes Innehalten, ein strahlender Dank, eine Bewegung, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Innehalten ist das erste. Gerade heute gilt das. Zwölf Jahre hat die Erneuerung dieses Werks, die Instandsetzung seiner Gebäude, die Zusammenführung der hier vereinigten Einrichtungen in Anspruch genommen. Welch ein Weg, der seit 1986, dem Beginn der Erneuerungsarbeiten, zurückgelegt wurde! Als er begann, ahnte kaum jemand, welche Umwälzungen uns in Deutschland und in dieser Stadt Berlin in kürzester Zeit bevorstanden. Niemand hätte vorauszusagen gewagt, welche neuen Herausforderungen und Möglichkeiten vor der Diakonie, vor einem evangelischen Krankenhaus im Ostteil Berlins, vor diesem Haus liegen würden. 1992 wurden die beiden traditionsreichen Einrichtungen, die zuvor außer dem gemeinsamen Standort nicht besonders viel gemeinsam hatten, vereinigt. Welche Schritte aufeinander zu mußten da gewagt und unternommen werden. Wie viel hat sich schon bewegt - und wie viel bleibt noch zu bewegen? Heute und in den nächsten Tagen werden diese Vorgänge noch von manchen Seiten beleuchtet werden. Aber jetzt, in diesem Gottesdienst, wollen wir innehalten: wir wollen die Innenseite dieser Vorgänge beleuchten. Heute und in den nächsten Tagen wird noch auf mancherlei Weise der Dank zur Sprache kommen, der Menschen für das gebührt, was sie auf diesem Weg geleistet haben. Aber jetzt, in diesem Gottesdienst, wollen wir dem Dank gegenüber Gott Raum geben, dessen Gnade wir an diesem Ort so deutlich spüren können.
Strahlender Dank ist das zweite: "Jauchzet dem Herrn, alle Welt." Mir gefällt die englische Übersetzung dieses Psalmworts besonders gut: "Make a joyful noise unto the Lord." "Veranstaltet dem Herrn einen fröhlichen Lärm" - diese Übersetzung ist dem hebräischen Wortlaut des Psalms besonders nahe: "Schmettert ihm zu!" - so hat Martin Buber diese Worte wiedergegeben.
In den nächsten Tagen und Wochen werden wir vielleicht derartigen fröhlichen Lärm wieder reichlich zu hören bekommen. Leergefegt die Straßen, weil die Nation vor dem Fernseher sitzt - und dann plötzlich der Schrei aus ungezählten offenen Wohnzimmerfenstern, aus Kneipen, aus Krankenhäusern, ja auch aus Kirchen: Tor!! Wenn Fußballweltmeisterschaften stattfinden, ist solcher Lärm normal. Aber Gott gegenüber halten wir uns damit zurück. Da bleibt es bei verhaltenen Tönen, wenn nicht sogar Schweigen einzieht: Gottesschweigen.
Verordneter öffentlicher Jubel ist vielen von uns ohnehin ein Greuel; manche sind durch einschlägige Erfahrungen langfristig geschädigt. Diktaturen sehr unterschiedlicher Art haben ihn gefordert, mindestens einmal im Jahr, manchmal auch häufiger. Wenn man sich daran erinnert, möchte man niemals mehr zu öffentlichem Jubel auffordern. Oder gerade doch? Vielleicht ist das die Alternative: Wer aufgehört hat, dem lebendigen Gott zuzujubeln, steht in der Gefahr, selbsternannten Götzen zuzujubeln - und sei es auch nur heimlich, zum Beispiel zu Hause allein vor dem Fernseher.
"Jauchzet dem Herrn, alle Welt." Wir werden aufgefordert zu prüfen, wem unser Jubel tatsächlich gebührt. Wer Gott allein die Ehre gibt, ist dagegen gefeit, Mächte dieser Welt zu Götzen zu machen. Das ist der radikale Sinn des Glaubens. In diesem Sinn ist er eine konsequente Ideologiekritik.
Ich weiß schon: Nicht immer ist uns zum Jubeln zumute. Konflikte und Enttäuschungen stopfen uns oft den Mund. Unbegreifliche Geschehnisse und Schicksalsschläge machen uns manchmal sprachlos. Das Eisenbahnunglück in Eschede hat uns das gerade wieder gezeigt. Aber umso mehr strecken wir uns nach denjenigen Erfahrungen aus, an denen uns der Sinn unseres Lebens und Arbeitens, die Schönheit der Welt, die Güte Gottes deutlich wird. Wir wüßten sonst gar nicht, woher die Kraft zum Neuanfang kommt, wenn es nicht immer wieder Grund zum Danken und zum Hoffen gäbe.
Mich überkommt Dank und Hoffnung jedesmal, wenn ich mich dem Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge nähere. Wer täglich hier arbeitet, wer als Patient an diesem Ort auch durch schwere Erfahrungen hindurchgeht, wer als Angehöriger hier auch Momente des Bangens und der Trauer erlebt, verliert vielleicht den Blick für das Besondere dieses Ortes. Wer dagegen - wie ich - zwar regelmäßig, aber doch in größeren Abständen hierher kommt, ist jedesmal von neuem überrascht und überwältigt: ein großzügiges, freundliches, einladendes Gelände - und auf ihm praktizierte Nächstenliebe in der Vielfalt ihrer Gestalten.
"Jauchzet dem Herrn alle Welt." Alle werden eingeladen, in dem, was wir erlebt haben und erleben, ein Zeichen für das Wirken Gottes zu sehen. Alle werden eingeladen, die Selbstverschlossenheit zu überwinden und die Gottvergessenheit hinter sich zu lassen. Niemand braucht sich zu schämen, in diesen Jubel mit einzustimmen: "Jauchzet dem Herrn, alle Welt."
Ich weiß von der Scheu in Glaubensfragen, die in einem Haus mit dieser Geschichte und in einer Mitarbeiterschaft dieser besonderen Prägung vorhanden ist. Sie läßt sich nicht wie mit einem Federstrich beseitigen. Aber an einem solchen Tag muß es deutlich gesagt werden: Der Dank für Gottes Gnade ist die Grundlage, auf der dieses Haus steht und auch in Zukunft stehen soll. Christen, die in diesem Haus arbeiten, tun gut daran, ihren Glauben erkennbar zu machen und ihn weiterzugeben, so gut sie das können. Die Einladung, sich für die Wirklichkeit Gottes zu öffnen, gilt allen Menschen, die hier arbeiten, die als Patienten hier Aufnahme finden, die als Gäste in diesem Werk aus. und eingehen.
Und schließlich das dritte: eine Bewegung, die auf die Zukunft zugeht: "Dienet dem Herrn mit Freuden." Freude an der Arbeit - bei manchen löst das ironische Reaktionen aus. Und Arbeit als Dienst - diese Vorstellung ist in der Geschichte immer wieder einmal zur Demütigung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mißbraucht worden: "Mein Lohn ist, daß ich dienen darf." Zwar ist der Begriff des Dienstes schon längst in die allgemeine Sprache übergegangen; so reden wir vom öffentlichen Dienst oder von den Dienstleistungen, die inzwischen so wichtig sind, daß wir uns sogar als Dienstleistungsgesellschaft bezeichnen. Doch wenn wir den weltlichen Beruf als Gottesdienst bezeichnen, wenn wir die tägliche Arbeit im Beruf, in der Familie, im Ehrenamt als einen Dienst anzusehen, den wir Gott erbringen, dann ist viel mehr gemeint, als in solchen Verflachungen zum Ausdruck kommt. Dienst um der Ehre Gottes willen ist immer Dienst an der Würde des Menschen. Wer Gott allein die Ehre gibt, der gibt die gleiche Würde aller Menschen nie auf. Wie ernst das gemeint ist, zeigt sich vor allem anderen am Umgang mit Minderheiten - seien das Minderheiten der Sprache, Kultur oder Religion oder seien es Minderheiten, die durch Behinderung oder durch Krankheit aus dem 'normalen' Leben ausgegrenzt sind. Ein solcher Dienst widersteht der Ausgrenzung; er will Menschen aufrichten, ihnen also wieder zum aufrechten Gang verhelfen. Das ist Diakonie in ihren unterschiedlichsten Formen.
Diakonie - das Wort meint ja nichts anderes als 'Dienst'. Gemeint ist ein solcher Dienst, der allein Gott die Ehre gibt und deshalb anderen hilft, ein eigenständiger Mensch zu sein. Zu verbiegen, zu bücken braucht sich da niemand. Falsche Demutshaltungen sind nicht gefragt. Gefragt ist die aufrechte Geradlinigkeit, die nicht vergißt, daß wir all unsere Gaben Gott verdanken und deshalb diese Gaben ganz in den Dienst einer Aufgabe, ganz in den Dienst des Nächsten stellt.
Über Leitbilder der Diakonie wird viel geredet; auch für dieses Haus ist ein Leitbild entwickelt worden. Das kürzeste Leitbild der Diakonie aber heißt: "Jauchzet dem Herrn, alle Welt. Dienet dem Herrn mit Freuden." Es ist ein Leitbild nicht nur für die Diakonie. Es ist ein Leitbild des christlichen Lebens schlechthin.
Amen
